Weil eine Ausbildung des Pferdes bei seinem Körper beginnen muss
Wir leben mit unseren Pferden in einer Welt, bei der die Umwelt nicht nur bewegungsarm, sondern vor allem arm an Informationen und Impulsen geworden ist, die den Körper und die Körperteile des Pferdes in Bewegung bringen könnten. Die ständige Reizüberflutung, Druck, Stress und die Überlastung der Vorhandlastigkeit setzen dem Pferdekörper immer mehr zu und verhindern die naturgemäße ständige Entwicklung und Weiterentwicklung des Pferdes. In Folge wird das Pferd immer weniger belastbar und anfällig für Bewegungsdefizite.
Sinneswahrnehmungen entscheiden über die Bewegungen des Pferdes
Wenn wir an der körperlichen Entwicklung des Pferdes dabei sein wollen und sie für die Vorbereitung zum trag- und belastungsfähigen Reitpferdekörper in die richtige Richtung leiten wollen, müssen wir den offensichtlichen Defiziten – vor allem den Sinneswahrnehmungen des Pferdes eine viel größere Aufmerksamkeit schenken als bisher
Wenn einfache, alltägliche Bewegungen des Pferdes zum Problem werden
Erstaunlicherweise wissen Pferdeausbildungen bis heute sehr wenig darüber, wie man das Pferd an seinen Bewegungen teilhaben lassen kann. Die Pferdebewegung wird noch immer als etwas verstanden, was nur in den Beinen des Pferdes passiert – und „ausgebildet“ wie vor 500 Jahren – ohne die hochfeinen Sinne des Pferdes in ihrer Wirkung und in ihrer Auswirkung zu verstehen.
Ein sinnesarmer Pferdekörper verhindert eine belastungsfreie Reiterei
Allen Erkenntnissen zum Trotz wendet der Mensch traditionell seine ganze Kraft auf eines der empfindsamsten Regionen – auf Kopf und Hals des Pferdes an. Der Mensch hat sich an die mechanische Formung des Pferdekörpers über viele Jahrtausende so gewöhnt, dass er gar nicht mehr in Betracht zieht, wie sehr er dabei die angeborenen Bewegungssinne unterdrückt während die Energiesysteme des Pferdes den oft chronischen Stress und die Verspannungen in den Körpersystemen abspeichern.
Obwohl gerade das Pferd auf Stress und Druck mit so negativen Veränderungen seines Körpers reagiert, die dann im gestressten, reflexhaften Verhalten und seiner körperlichen Erschöpfung sichtbar werden, aus denen sich das Pferd selbst nicht erholen kann, weil die Ressourcen des Körpers aufgebraucht sind, sind Eigenbewegungen und Sinneswahrnehmungen des Pferdes weiterhin Fremdwörter in Ausbildungen. Mit dem Pferd wird noch immer umgegangen, als würde sein eigener Körper, sein faszinierende Feinmotorik und seine feinen Sinne nicht existieren.
Die Eigenwahrnehmungen des Pferdes, die das Pferd erst zur Höchstleistung seines Körpers bringen kann, werden deshalb bei den „biomotorischen Übungen“ zum „Objekt der Begierde“. Nicht angelernte Bewegungen, sondern die Regulierung der Körpersysteme durch eigene Bewegungen des Pferdes, ist der Punkt, an dem die „Pferdekörperausbildung“ ansetzt. Und räumt dementsprechend erstmal mit allem auf, was das Pferd belastet.
Vom Pferdekörper selbst gelöste Körperteile eröffnen eine völlig neue Betrachtungsweise
Ein Pferd über seine Sinneswahrnehmungen auszubilden, eröffnet natürlich einen völlig neuen Blickwinkel auf die körperliche Ausbildung eines Pferdes, denn an nur wenigen Körperstellen kann der Vagusnerv (einer der Gehirnnerven – der in den Körper geht und den das Pferd zu seiner Regulation und Steuerung braucht) des Pferdes nur direkt stimuliert werden – etwa am Hals, oder hinter den Ohren. Zweige des Vagusnervs verlaufen da dicht unter der Haut. Aber dazu braucht der Vagusnerv durchlässige Gewebe statt den traditionellen Spannungsmustern.
Die Eigenbewegungen verringern chronische Gesundheits- und Stressmuster
Der Ablauf der „Pferdekörperausbildung“ beginnt deshalb für den Menschen damit, das Pferd wieder für seine eigenen Bewegungen zu interessieren. Mit jeder „eigenen Bewegung“ lösen sich einschränkende Spannungsmuster und der Druck auf Wirbel und Gelenke verringert sich. Die Bewegungsfreude des Pferdes befreit sich durch seine Körperteile des Pferdes und das Pferd findet in die zusammenwirkende Motorik seines Körpers. Die Selbstaufrichtung entwickelt sich über die Hinterhand und die gleichseitige Geraderichtung und richtige Ausrichtung des Skeletts.
Das Hauptaugenmerk der „Pferdekörperausbildung“ ist aber immer noch die körperliche Ausbildung des Pferdes zum Reitpferd oder zu anderen körperlichen Leistungen des Pferdes. Es ist der Prozess der „frei beweglichen“ Körperteile, der das Pferd körperlich leistungsfähig, wider-standsfähig und tragfähig macht.
Mit einem plastisch vernetzten äußerst tragfähigen und stressresistenten Organismus – für den die Reiterei keine Belastung, sondern Weiterentwicklung ist, wird ein neuer Prozess gestartet und das Pferd geht mit seinem Menschen in die Entwicklung von Reitbewegungen und Gängen, Lektionen, körperlicher Leistungen und überhaupt alles, was das Herz des Menschen begehrt.
Wie man sich leicht denken kann, entsteht dabei eine völlig andere Sicht- und vor allem Handlungsweise der Reiterei. Eine Reiterei, bei der der Mensch mit den Bewegungen des Pferdes eng verflochten wird und sich nicht mehr damit beschäftigen muss, die Bewegungs-einschränkungen, die Fehlstellungen und Fehlhaltungen des Pferdes in „Zaum zu halten“, den Stress des Pferdes zu korrigieren und zu kontrollieren, sondern „einfach“ reiten kann und mit den Bewegungen des Pferdes einen feinmotorischen Körperaustausch pflegen kann.
Unsere „Kraft“ als Mensch liegt nicht in der Muskelkraft
Wie sehr wir unsere besonderen „Kräfte“ durch Muskelkraft selbst verhindern, werden sie wahrscheinlich erst feststellen, wenn Sie bemerken, mit wie vielen verkürzten Strukturen sich Ihr Skelett herumschlagen muss. Und wenn Sie unterstützt von den „Placements“ zu anderen, unentdeckten Bewegungsmöglichkeiten in ihrem Körper finden, die ihren Beinen gestatten, Sie leichter durchs Leben zu tragen und ihren Armen ermöglichen, die Welt anders zu „begreifen“.
Weil sich ein freier Kopf leichter bewegt
Und wenn Sie sich dann noch von Ihrem „vorgelagerten“ Kopf verabschieden (der Kopf darf natürlich bleiben – aber aufgerichtet und „getragen“ eben) wirkt das endgültig wie eine Befreiung für ihren Nacken, ihre Schultern und ihr Gehirn. Sie befreien sich von quälenden Gedanken und ganz praktisch auch von den „Ablagerungen“ in ihren Gehirnwindungen und können auf diese Weise die heilende Kraft der Bewegung für sich entdecken, mit der Sie zusätzlich dazu beitragen, dass sich die Pferde um Sie herum, beginnen werden, sich anders zu bewegen.
Eine ständig „gepflegte“ Interaktion ist die älteste Form der Kommunikation
Ich wünsche allen Lesern und Leserinnen, dass sie durch die „Pferdekörperausbildung“ mit neuen Augen auf die Bewegungen des Pferdes sehen können. Mit der Bewegungsfreiheit der Körperteile fängt eine Verwandlung des Pferdes – aber auch eine Wandlung der Beziehung zu ihrem Pferd an. Es darf wirklich nie darum gehen, das Pferd in seinen Bewegungen zu kontrollieren oder gar so zu formen, bis sich das Pferd nicht mehr wagt, sich zu bewegen.
Ich wünsche mir, dass sich durch die „Pferdekörperausbildung“ auch Ihr Handeln mit dem Pferd wandeln wird und bewegungsfreundlicher, gelassener „menschlicher“ und wohlwollender wird und so langsam, aber sicher Druck, technischer Zwang, mechanische Manipulation, Spannung, Stress und körperliche Erschöpfung endlich aus der Welt des Pferdes eliminiert werden kann.
Monika Buhl
