Pferdekörperausbildung
Die Phase 2: die eigentliche „Ausbildung“ des Pferdes beginnt

Die Phase 2: die eigentliche „Ausbildung“ des Pferdes beginnt

Wie das Pferd souveräner mit seinen Körperteilen umgehen kann

Das Wesen der Körperteile des Pferdes besteht darin, dass sie – im Gegensatz zum statischen Skelett – vor allem dynamische Handlungen ausführen können sollten. Die Körperteile des Pferdes sind unter vielem anderen zuständig für die Atembewegungen des Pferdes, deshalb ist eine gute Koordination zwischen den einzelnen Körperteilen besonders wichtig. Nur wenn aber das Skelett im Rumpf in Schultern, Hinterhand und Hals in einem ausgewogenen Gleichgewicht ist, kann sich die eigentlich kräftige Innenbewegung des Atems bis in die Pferdebeine fortpflanzen. Ganz so wie bei einem Stein, den Sie in einen ruhigen See werfen.

Die Beine des Pferdes können das Pferd kann schön aus dem Tritt bringen

Hindernisse im Wasser unterbrechen die Wellenbewegung. Im Pferdekörper sind es verhärtete Muskelstrukturen, welche die Atembewegungen unterbrechen. Wenn man sich die „Vorhände“ der meisten Pferde anschaut, von der Schulterblattspitze ab, über die großen Schultergelenke und die kleinen Beingelenke bis in die Hufgelenke, kann man leicht erahnen, dass der Atembewegung viele Hindernisse im Weg stehen. Der „Widerstand“ in den Körperteilen ist ein gewisser Schutzmechanismus des Pferdes, der sich unbewusst einstellt.

Man kann erahnen, dass sich Pferde wünschen, sie hätten ihre Körperteile besser im Griff

Oder anders ausgedrückt, die einzelnen Körperteile sind meist so voller Spannungsmuster, mit Schutzmuskulatur umgeben (Spannungen halten immer von ihren durchlässigen Bewegungen ab) oder weichen sogar der ihnen zugedachten Bewegung aus, dass man sich gut vorstellen kann, dass da kaum „Atem“ durchgehen kann. Von der Atembewegung der Körperteile ist es aber abhängig, wie sich ein Körperteil mit allen anderen – miteinander – koordinieren kann.

Die Widerstandsfähigkeit der Körperteile dient zugleich den Atembewegungen – daraus entsteht  die Koordinationsfähigkeit des Pferdes

Wenn wir die Bewegungsqualität des Pferdes weiter steigern wollen, müssen wir uns in der „Pferdekörperausbildung“ als nächstes die Körperteile des Pferdes vornehmen. Und wie ich es immer beschreibe, da beginnt für mich die eigentliche Ausbildung des Pferdes, denn die belastungsfreie und bewegungsfähige Wirbelkette, um die wir uns in der „Phase 1“ gekümmert haben, sollte tatsächlich eine überlebenswichtige und notwendige Selbstverständlichkeit sein. Und die „Phase 0“, die Befreiung des Pferdekörpers, sowieso.

Wie Sie dazu beitragen, dass das Pferd seine Körperteile differenzierter wahrnehmen kann

Ganz ungewöhnlich ist es deshalb nicht, dass wir in der „Phase 2“ versuchen den schwer aufzulösenden Anspannungen und Spannungsmustern und dem Ausweichen der Körperteile beizukommen, die dem Atemfluss des Pferdes Widerstand leisten. Das Fatale ist nämlich, das die verspannten Körperteile den „Erfolg“, den Sie in der „Phase 1“ erzielt haben – indem Sie die Flexion/Extension der Wirbelkette freigelegt haben – meist schon eine leichte Selbstaufrichtung zu sehen ist, vielleicht auch schon der Ansatz des tragenden Halsgeflechtes – wieder zunichtemachen können.

Die „biomotorischen Übungen“ können so einiges dazu beitragen, damit das Pferd seine Körperteile anders bewegen kann

Wenn die Körperteile statt Ausgleichen weiterhin ausweichen, die Last der Vorhand noch immer nach unten drückt und die Vorhand zum Stabilisieren zwingt, ist ein freier Gang des Pferdes nicht gewährleistet, weil der Bezug der Beine zum Boden verloren geht. Die Auswirkung eine ausgewichenen Pferdebeines, sehen Sie im deformierten Huf des Pferdes, die man zwar künstlich immer wieder so formen kann, um Schadensbegrenzung zu betreiben, tatsächlich aber ein ungleiches Spiel spielen, weil von „oben“ vom übrigen Körper des Pferdes, nichts Gutes herunterkommt.

Das Pferd beruhigt sich selbst über seine durchlässigen Atembewegungen

Sich auf die Erde zu beziehen, bedeutet für die Pferdebeine sich dem Untergrund anzuvertrauen egal wie uneben er ist. Um dem Untergrund zu vertrauen, muss man aber dem eigenen Körper vertrauen können, sich vom Körper tragen lassen – und nicht sich über Spannungen festhalten und allem und jedem ausweichen (vor allem dem eigenen Körper nicht)

Und genau, das ist die „Ausbildung der Körperteile“ in der „Phase 2“ der „biomotorischen Übungen“

Bewegungen sind eine wunderbare Gabe des Pferdes, und die Entfaltung von Bewegung beginnt bei der Bewegungsfähigkeit der Wirbelkette, braucht aber die Koordination der Körperteile, die „lernen“ müssen sich mit der nun bewegungsfähigen Wirbelkette in Beziehung zu setzen. Die Körperteile „lernen“ vor allem unterschiedliche Dynamiken, um mit den dynamischen Bewegungserfahrungen weiter wachsen zu können.

Das ist notwendig, weil die sichere, unbewusste Dynamik der Körperteile dem Druck des eigenen Körpers, aber eben dann auch der zusätzlichen Last des Reiters standhalten müssen – und trotzdem durchlässig genug sein müssen, damit „Atem“ durchkommt.

Ging in der ersten Phase die Bewegung noch von der Wirbelkette aus, drehen wir in der zweiten Phase die Bewegung um. Vor allem die Beine des Pferdes kommen nun in den Fokus. Das Pferd lernt dabei, was sein „Beinfreiheit“ bedeutet und wie differenziert, bewusst und gezielt es seine Beine einsetzen kann. Die „großen Gelenke“ lösen sich dabei von ihren strukturellen Einbindungen, ganz einfach deshalb, weil nun die „Schutzmuskulatur“, die bis dahin der Stabilisierung und dem Schutz der Gelenke gedient hat, nicht mehr gebraucht wird.

Die Beine des Pferdes lösen sich jetzt von ihren strukturellen Fesseln und werden „erwachsen“. Das heißt unabhängig. Nun können Sie sich zu einer freien Zusammenarbeit mit den jeweils anderen Pferdebeinen koordinieren und dabei wiederum ganz neue Bewegungen – die der Pferdekörper bisher noch nicht konnte – ausprobieren. Die Bewegung der einzelnen Körperteile und all die Bewegungsmöglichkeiten, die es in den Körperteilen des Pferdes zu entdecken gibt, ist der wichtigste „Treibstoff“ für die weitere Entwicklung des Pferdekörpers.