Pferdekörperausbildung
Zum guten Schluss: das Umsetzen

Zum guten Schluss: das Umsetzen

Bei dem das Pferd jede Menge eigene Bewegungserfahrungen machen kann

Pferde lieben das freie Umsetzen, bei dem der Mensch keinen Einfluss mehr auf sie hat, nur verbal, oder durch Bewegungen kommuniziert und deshalb alles „umsetzen“ (daher der Name) kann, was es zuvor an Bewegungsinformationen bekommen hat.

Der Mensch liebt das Umsetzen eher weniger. Jedenfalls am Anfang nicht (wenn die Wirkung sichtbar wird, dann schon). Und das hat gute Gründe: Meistens können die Pferde nicht lernen mit ihrem Körper umzugehen. Koppel, Wiese, Weide oder Paddock zählen da nicht – dass sind Alltagsbewegungen. Beim Umsetzen geht es aber um den Wechsel – um die Übergänge von dynamischen zu gesammelten Bewegungen.

Beim Umsetzen probiert das Pferd alle neuen Informationen aus

Was wie gesagt am Anfang dem Menschen so überhaupt nicht gefällt, wenn das Pferd sich selbst und seine Bewegungen nicht steuern und beherrschen kann, den Reithallenboden beim Umsetzen umpflügt, in einer Tour über seine eigenen Haxen stolpert, oder wenn es im Überschwang der Bewegung auch mal hinfällt. Oder sich einfach nur – völlig verunsichert – in die nächste Ecke stellt und gar nichts macht.

All diese Unsicherheiten, die Unkoordiniertheit, das Zittern von manchen Körperteilen ist eine Folge von…

…ich kann es nicht oft genug sagen: weil das Pferd viel zu wenig Möglichkeiten bekommt, eigene dynamische Bewegungen umzusetzen.

Aber ich kann Ihnen auch sagen, dass das rasch besser wird, weil die Bewegungserfahrungen die beim Umsetzen mit dem eigenen Körper gemacht werden (ohne dass der Mensch dabei rumpfuscht) ja Sinn und Zweck der „biomotorischen Übungen“ sind, die das Pferd eben auch ausprobieren muss. Deshalb werde ich Ihnen noch ein paar Tricks geben, damit ihnen nicht immer das Herz stehen bleibt, bei all der freigelegten Bewegungsfreude ihres Pferdes. Denn immerhin können und sollen SIE ja das freie Spiel des Pferdes mit seinem Körper steuern und können es damit zu zielgerichteten – aber freien – Bewegungen hinleiten.

Dazu braucht es den vollen Körpereinsatz von Ihnen

Erstmal geht es, wie immer um Aufmerksamkeit, denn möglicherweise ist ihr Pferd so fasziniert von der ungewohnten „Freiheit“ dass es Sie nicht mehr beachtet. Also müssen Sie sich in das Spiel, das ihr Pferd noch allein spielt, mit einbringen – und von ihrer Seite, Bewegungsvorschläge machen. Anfangs wird das Pferd ein bisschen brauchen um sich darauf einzulassen, aber nach wenigen Tagen werden Sie merken wie ihre Bewegungen immer synchroner werden.

Rufen Sie ihr Pferd dabei immer wieder zu sich her. Im Hinterkopf sollten Sie ja behalten, dass ihr Pferd soviel wie es nur irgend möglich ist das „Angehen“ – „Anhalten“ praktiziert. Auch, und ganz besonders im freien Spiel seines Körpers. Also brechen Sie die Bewegung immer wieder ab und starten Sie sie wieder neu. Sie werden bald sehen, wie sehr ihr Pferd dieses Spiel liebt. Das „Herkommen“ und „wegschicken“, das „Angehen“ und „Anhalten“, und das spontane Losspurten aus dem Stand, um sofort wieder abzustoppen sind die ursprünglichsten Bewegungen um alles im Körper anzusprechen. Nutzen Sie das am besten voll aus.

Ich habe mir einen lockenden Pfiff angewöhnt (bitte keinen Befehlspfiff, der hat bei dem Umsetz-Spiel wirklich nichts zu suchen), auf den das Pferd nach ganz kurzer Zeit liebend gerne reagiert. Und warum? weil es im nächsten Moment von Ihnen wieder weggeschickt wird – um gleich darauf wieder gerufen zu werden. Dieses Spiel ist beim Pferd ähnlich beliebt, wie beim Kind das „guguck“ – „da“ – Versteckspiel. Beides kann bis zur Unendlichkeit gespielt werden. Und beides aktiviert ganz wichtige Faktoren zur Entwicklung…

Aber ganz wichtig beim Umsetzen ist, dass es nicht nur alles in Bewegung setzt, und dabei eine ungeheure Bewegungsenergie freisetzt, sondern dass es seine Bewegungsenergie immer gezielter und bewusster einsetzen kann. Das Pferd macht jede Menge eigene Bewegungserfahrungen. Und wenn das Pferd anfangs noch sehr zögerlich und unsicher ist – sehen Sie was dem Pferd bisher gefehlt hat.

Die gezielten Bewegungen

Das „Umsetzen“ ist so einfach, und so beliebt bei den Pferden, weil keine komplizierten Stellungen oder Bewegungen von ihm gefordert werden, sondern ganz normale Körperbewegungen, die das Pferd auch im Alltag ausführen würde, wenn es des denn könnte.

Die richtige „Würze“ beim Umsetzen entsteht für das Pferd durch ihren „Körpereinsatz“ – wenn Sie selbst also nicht starr und steif in der Mitte stehen bleiben, und eine „Bewegungsfreudenbremse“ sind, sondern mit ihrem Pferd mitmachen. Fast wie ein anderes Pferd antauschen, mit der Fokussiergerte die andere Richtung weisen und so Richtungswechsel machen, es immer wieder „angehen“ lassen, aber genauso oft verbal (und unterstützt von ihren Körperbewegungen) zum Anhalten bringen, es wieder losspurten lassen, um es gleich wieder anzuhalten und so vieles mehr was Sie sich mit der Zeit einfallen lassen können, damit das Pferd lernen kann mit seinem Körper umzugehen.

Aber es gibt noch einen genauso wichtigen Effekt des „Umsetzens“. Denn während es auf seinen Körper und seine Bewegungen achtet, beginnt es genauso auf ihren Körper und ihre Bewegungen zu achten. Das Schönste Körperspiel ist eben der gemeinsame Austausch von Bewegungen, Bewegungsideen, Vorschlägen, Blödsinn und so weiter – also alles was Bewegungsfreude macht ist erlaubt.

Aber wie gesagt, tasten Sie sich an das Umsetzen langsam heran. Die ersten Male, wenn ihr Pferd orientierungslos und fast unwillig durch die Gegend pflügt, vielleicht sogar animiert und angetrieben werden muss, in der nächsten Ecke stehen bleibt oder „flieht“ wenn der Platz nur groß genug ist, werden Sie kaum glauben, wie schnell sich ihr Pferd an ihren Bewegungen abstimmt und dann so über die Erde schwebt, dass seine Beine nur aus Gefälligkeit den Boden berühren.

Noch ein kleiner Tipp zum Umsetzen: wenn ihr Pferd sehr unaufmerksam oder aus irgendwelchen Gründen voller Energie oder geladen sein sollte, dann drehen Sie das Umsetzen vom Schluss zum Anfang um, und beginnen dann erst die eigentlichen „biomotorischen Übungen“. Ihr Pferd kann sich dann leichter auf Sie einlassen…

Ach ja, noch etwas: lassen Sie – anders wie beim Titelfoto – das Kopfgestell mit dem „motorischen Gebiss“ auf dem Kopf des Pferdes. Gerade für die neuen Bewegungserfahrungen soll sich Ihr Pferd durch das Bewegen des Gebisses mit der Zunge, seinen Zungenmechanismus immer wieder selbst lösen können und das Genick durch das Hochnehmen des Gebisses von „strukturellen“ und Druck von außen, befreien können.

Irgendwie ist das „Umsetzen“ auch immer ein Mahnmal. Dafür dass wir dem Pferd seine eigenen Bewegungen weggenommen haben, dafür das Reithallen dem Pferd nicht mehr zu seinen Bewegungen zur Verfügung stehen, oder auch das wir – der Mensch unsicher wird, wenn das Pferd nicht mehr von ihm kontrolliert wird.

Aber wir können dagegen ja was tun, und deshalb gehen wir in der nächsten – in der zweiten Phase in die detaillierten Wirkungen der Körperteile…