Das „Angehen und Anhalten“ des Pferdes ist keine „Übung“ im klassischen Sinn, sondern ein angeborenes Bewegungsbedürfnis des Pferdes, das Sie in den „biomotorischen Übungen“ zur Grundlage für alle weiteren Übungen machen werden. Das „Angehen und Anhalten“ ist eine universelle Alltagsbewegung des Pferdes.
Und wo kann der Mensch einen Bewegungsablauf des Pferdes so nachhaltig verbessern wie in einer Alltagsbewegung, die so unbedingt und ursprünglich ist und vom Pferd zig Mal am Tag ausführt wird. Unverzichtbar wird diese Bewegungsabfolge für uns, weil das Pferd für absolut jeden Bewegungsvorschlag, der die Pferdebewegungen leichter macht, dankbar ist.
Warum? Durch die anatomischen Impulse und Informationen, auf die ich noch eingehen werde, wird sich das Pferd bei einem bewussten „Angehen – Anhalten“ spontan anders bewegen. Also können Sie den Gefühlszustand des Pferdes sofort positiv beeinflussen. Und weil es sich anders fühlt, wird es sich auch bewusster anders bewegen.
Achten Sie dabei mal auf den Atem des Pferdes. Wie schnell sich sein Atemfluss verändert, im Körper wandert und sich verlagert, ohne dass Sie direkt auf den Atem oder die Sauerstoffversorgung des Pferdes Einfluss nehmen müssen.
Die „biomotorische Übung“ des bewussten „Angehens und das Anhaltens“ des Pferdes, ist für uns die beste (ich glaube auch die einzige) Möglichkeit um über die Extension und Flexion der Wirbelkette (mit Wirbelfreiheit) – die Wechselwirkung zwischen Rippenkorb, Bauchmuskulatur und Pferderücken wieder herzustellen (wie die durchlässige Bewegung ihren Weg durch die Wirbeln finden, beschreibe ich im 1. Schritt, bei dem Sie den Pferdekopf nach oben einladen).
Kein Wunder also, dass das Angehen und Anhalten des Pferdes, für uns DIE Übung ist, aus der alles im Pferdekörper entstehen kann. Das „Angehen und Anhalten“ ist eine zu 100% naturgemäße Übung, denn jedes Pferd, das angeht – muss auch wieder anhalten. Die Frage ist nur, WIE es das tut – und genau an diesem Punkt kommen Sie ins Spiel des Pferdekörpers – um diesen so alles entscheidenden Bewegungsvorgang bewusst in die richtige Richtung zu leiten.
Wenn das Pferd wie eine Schubkarre angeht, und mit steifen Vorderbeinen seine Hinterbeine hinter sich herzieht, ist das Pferd vorhandlastig und hat keinen „Anschluss“ des Rumpfes zur Hinterhand. Dadurch kann es seine Hinterhand nicht einsetzen und „bremst mit der Nase“ um anzuhalten. Oder es stemmt seine steifen ungelenkigen (im Buggelenk) Vorderbeine als Bremse in den Boden. Bei beiden Variationen sind die Wirbel, der Halswirbelkette und des Lenden-Beckenübergangs für das Pferd nicht verfügbar.
Die Art wie das Pferd angeht und wieder anhält, sagt also ganz viel über den aktuellen Stand seiner Bewegungsentwicklung aus und ist deshalb eine unzweideutige „Anzeigerbewegung“.
Die Entwicklung von „Flexion und Extension“ führt zur Längsbewegung des Pferdes
Andererseits kann man in keinen anderen Bewegungsausführung, den Prozess der Entwicklung, das „Entbinden“ der Schulter, der wachsende Fokus des Pferdes auf seine Hinterhand, die ansteigende Bewegungsfähigkeit der Wirbel, die Weiterentwicklung und die Entfaltung der Gänge (z.B. das Schreiten aus der Schulter heraus) so schön beobachten, wie in der Bewegungskombination des „Angehens“ und „Anhaltens“.
Wie das geht, werde ich Ihnen genau erklären, und deshalb zerlege ich den Bewegungsablauf, in das „Einladen des Pferdekopfes nach oben“, um die „Handbremse“ im Pferd zu lösen, in das „Fokussieren der Hinterhand“ und in das „Anhalten mit Fokus auf die Hinterhand“ bei dem es immer auf das Geschehen vorne im Pferd ankommt, aber eben auch auf das, was hinten beim Pferd passiert – oder in Zukunft passieren soll.
Die Übung des „Angehens – Anhaltens“ bereitet dem Pferd Vergnügen, weil sie einfach ist und weil es dabei nicht anstrengen muss. Es liegt also an Ihnen, diese Übung zu einer Übung FÜR das Pferd zu machen, bei dem es lernt, in seinem Körper loszulassen und es entdeckt, wieviel Vertrauen es zu seinem eigenen Körper – aber auch zum Menschen entwickeln kann.
Das Pferd wird merken, dass das Vertrauen zum Menschen, letztlich das Vertrauen in sich selbst ist. Je stärker das dem Pferd durch SEINE Bewegungen eine Körperposition einnehmen kann, die es nicht belastet, die immer selbstständiger von ihm eingeleitet und gesteuert werden können, desto größer wird die Sicherheit und dann auch die Bewegungsfreiheit des Pferdes. Beim Spiel „Angehen – Anhalten“ mit seinen zig Variationen, wird das Pferd im Laufe der „Phasen“ entdecken, dass immer weniger Strukturen und Muskeln die Bewegungen einengen und das Pferd seine Bewegungen immer besser „genießen“ und dann entfalten kann.
Das ist das eigentliche Vergnügen des Pferdes – nicht die Übung als solches. Die „biomotorischen Übungen“ sind eben nur Mittel zum Zweck…
Durch das „über den Rücken bewegen“, lernt das Pferd seine „Längsbewegung“
Das Pferd „lernt“ sich ab den ersten Schritten über den Rücken (über die Wirbel) zu bewegen, weil die Lendenwirbelkette und „das Becken“ immer wieder durch den Fokus der Bewegung nach hinten verbunden werden. Die „Flexion – Extension“ des Skeletts wird erstaunlich schnell sichtbar, weil die die Bewegungen des Pferdes lebhafter und die Bewegungen der Beine freier werden. Den von unserer Hand gezeigten Weg in die Aufrichtung des Halses (weil die Bewegung durch die Halswirbelkette geht) kann das Pferd immer besser annehmen und dabei spüren, wie der Atem leichter in und durch seinen Körper fließt.
Zusammenfassung:
Bei allen „biomotorischen Übungen“ geht es auch immer wieder um das Erkennen der körperlichen Einschränkungen – also die Beobachtung wo und an welcher Stelle seines Körpers das Pferd keine durchlässigen, naturgemäßen Bewegungen ausführen kann. In die bewegungslosen Körperteile wieder Bewegung reinzubringen, das wird das Aufgabengebiet der „zweite Phase“ werden.
Zunächst geht es aber darum Bewegung in die Wirbelkette zu bringen
Deshalb ist es wichtig zu beobachten, wie das Pferd angeht. Geht das Pferd wie eine Schubkarre an, indem es mit den vorhandlastigen Vorderbeine nach vorne stelzt und die Hinterbeine hinter sich herzieht? Bremst das Pferd beim Anhalten mit der Nase, oder stemmt es seine Vorderbeine als Bremse in den Boden? Ist es zögerlich, unsicher? Oder will es sowohl das Angehen wie das Anhalten „schnell hinter sich bringen“ irgendwie immer auf der Fluch (mit aktivierten Fluchtreflexen)?
Außerdem kann man in keiner anderen Bewegungsausführung den Bewegungsprozess des Pferdes, die Weiterentwicklung der Bewegungen und die Entfaltung der Gänge (z.B. das Schreiten aus der Schulter heraus), so schön beobachten wie in der Bewegungskombination des „Angehens“ und „Anhaltens“.
In der Veränderung der Bewegungsabläufe des „Angehens“ und „Anhaltens“ sehen Sie den Fortschritt des Pferdes, und genau so deutlich auch seine körperlichen Probleme. Die Symptome, die Spannungen im Pferdekörper, die Bewegungseinschränkung, die Stauchungen, Einseitigkeiten, die Schiefe und natürlich unseren größten Bewegungs-Gegner – die Vorhandlastigkeit. Alle Schwierigkeiten, die das Pferd beim Bewegen hat, werden sichtbar. Wir müssen nur hinsehen…
Übrigens…
Noch etwas anderes können Sie beobachten – und dabei geht es jetzt um Sie. Denn bei diesen zwei Bewegungsabläufen des Pferdes sieht man leider deutlich, wie sich der Mensch zu einer unaufmerksamen, ja geradezu gedankenlosen Begleitung des Pferdes entwickelt hat, und das Pferd in seinen körperlichen Schwierigkeiten völlig allein sich selbst überlässt.
Sie sehen, in dem so einfachen, aber grundlegenden Bewegungsbedürfnis wie dem „Angehen/Anhalten“ stecken unendlich viele Bewegungsformationen – die Sie ihrem Pferd auf ganz spielerische Weise geben können. Und dazu brauchen sie weder Mechanik noch den Gehorsam des Pferdes. Das ist aber tatsächlich die allergrößten Herausforderungen für den Menschen, weil das jeder von uns – auf die eine oder die andere Weise, so gelernt hat.
Perfekt also, um alle Schwierigkeiten – von Pferd und Mensch – durch die „biomotorischen Übungen“ gleich am Ansatz zu beseitigen
