Der Reitersitz besteht aus den Bewegungsfähigkeiten des Menschen. Deshalb wird auch immer jeder Reitersitz anders aussehen. Nur in einer berittenen, militärischen Zeit, musste der Reitersitz, wie die Uniformen gleichförmig sein. Immerhin entschied die „Uniformiertheit“ über die Ehre eines Heeres. Zum Glück ist diese Zeit lange vorbei.
Heute dagegen macht es dem Reiter alle Ehre, wenn sein Körper und seine Bewegungen das Pferd so wenig wie möglich belasten. Es zählt also wie ein Reiter seine Hände für das Pferd einsetzen kann, wie unabhängig seine Beine vom Rumpf sind und wie aufrecht (Kopf über Herz) der Reiterhals seinen Kopf tragen kann. Wie sehr die natürliche Stütze des Menschen, seine Wirbelkette und die Bewegungsfähigkeit der einzelnen Wirbel, die Körperteile des Reiters in ein fließende, durchlässige Bewegung bringen können, die das Pferd in seinen Bewegungen nicht abbremst.
An anderer Stelle habe ich beschrieben, dass es Manipulation ist, wenn wir das Pferd dazu bringen, etwas zu tun, was für uns gut ist. Wenn unsere Körperteile aber nicht verfügbar genug sind, das Pferd dazu zu bringen, etwas zu tun, was für beide gut ist, bleibt es dennoch eine Manipulation, wenn auch vielleicht eine ungewollte und unbewusste. So wie das reflexhafte Zurückziehen der Hand, ein Schutzmechanismus des Menschen ist. Oder wenn Beine, die in der Hüfte nicht frei beweglich sind und deshalb den Rücken in die Starre führen.
An welcher Stelle seines Körpers soll dann ein Reiter beginnen seinen Reitersitz zu verbessern?
Ich könnte mir meine Antwort wieder leicht machen und sagen: an allen Stellen, die bei jedem von uns durch unsere Alltagsbewegungen schwer geschädigt sind. Also überall! Die Entwicklung des Reitersitzes wird immer eine Ganzkörperaktion sein müssen, die wie beim Pferd auch, bei der Bewegungsfähigkeit der Wirbelkette beginnt, dann die Körperteile weiter ausbildet, um aus festgehaltenen Schultern losgelassene, empfindsame und spürende Hände und unabhängig gelassene Reiterbeine zu bekommen.
Es sind Hände, die sich nicht an Zügeln festhalten – und ängstlich auf „Hilfsmittel“ verlassen müssen, sondern sich fein und fühlend mit dem Maul des Pferdes verbinden können und sorgsam die ganze Wirbelkette des Pferdes in den Händen tragen. Und es sind Beine, die so zart sind, dass sie den Rumpf des Pferdes rahmen und ihm Sicherheit geben.
Und es ist ein Beckenbereich, der die volle Beweglichkeit seines Beckens ausnutzen kann. Der aber durch ständiges Sitzen unser absolutes „Stiefkind“ geworden ist. Das menschliche Becken, in dem sich mit seinen verkürzten Strukturen, seinem dadurch chronisch abgeneigten Becken, (das in den runden Rücken läuft und sich ohne Kraftanstrengung in den Rückenmuskeln nicht mehr aufrichten kann) – keine Bewegung mehr „sammeln“ kann, weil es nicht bewegungsfähig und verfügbar ist.
Das Hüftbetonte Reiten
Eigentlich ist es ja die Hüfte, die zum Reiten das wichtigste ist, weil von ihrer Bewegungsfähigkeit, die Beckenbewegung – das „Beckenspiel“ -und die Rückenbewegung abhängig sind. Von der Bewegungsfreudigkeit der Hüfte entscheidet sich jedenfalls, wie sich Beine und Füße auf dem Pferderücken positionieren können (ein alter Reitmeister hat mal gesagt, das die Beine so gelassen am Pferd herunterfallen müssen wie Steigbügelriemen!)
Warum sieht man fast nur noch Stuhlsitze und ein paar Spaltsitze?
Haben Sie Plattfüße, oder ist ein oder beide Füße nach außen gedreht? Gehen Sie zuerst mit den Beinen oder zuerst mit dem Becken an? Dann beobachten Sie mal, wie ihre Beine am Pferd zu liegen kommen. Der durchlässige Reitersitz muss sehr Hüftbetont sein, auch wenn man das der sehr minimalistischen Beckenbewegung, die gut mit allen Wirbeln der Wirbelkette verbunden ist, nicht ansieht. Aber es ist beileibe keine „Marilyn Monroe“ Bewegung, die sich in den Hüften wiegt und den Pferderumpf wie ein schlingerndes Schiff hin und her schieben würde.
Bei beiden Körperteilen, den „Schultern“ und dem „Becken“ kommt es auf die kleinen Nuancen der Bewegung an. Auf die „Kleinigkeiten“ der Arme und Beine, die über über ihren inneren Bewegungsfluss entscheiden, der Sie als „ruhig sitzenden“ Reiter kennzeichnet. Viel Platz für ihre Bewegungen haben Sie ja auf dem Pferderücken ohnehin nicht. Denn IHR Pferd bewegt sich ja vorwärts, aber nicht Sie. Ihre Aufgabe ist IMMER – in jeder Situation, im Schwerpunkt des Pferdes zu sitzen. Auf dem Pferderücken hüpfen, ist ihrem Körper dabei untersagt…
„Gut reiten“ – heißt was?
Für manche Reiter bedeutet „gut reiten“, wenn das Pferd brav und gehorsam das ausführt, was man möchte und das Pferd dabei möglichst wenig Schwierigkeiten macht, bei denen der Reiter dann in Bedrängnis kommen könnte. Oft wird ein Reiten dann als „gut“ empfunden, wenn es langweilig und ohne nennenswerte Höhepunkte wie am „Schnürchen“ abläuft.
Aber ehrlich – das soll „Reiten“ sein?
Reiten ist der direkteste Körperaustausch, den man sich denken kann. Sogar bei dem engsten Tanz, sitzen Sie nicht auf ihrem Tanzpartner. Sobald man beim Reiten dauerhaft auf bewegungs-hemmende „Hilfsmittel“ angewiesen ist, signalisiert man nach außen, dass die eigenen Bewegungen nicht bewegungsfähig – und der Körper eigentlich nicht reitfähig ist, weil man sich nicht mit denen des Pferdes verbinden kann.
Auch wenn man sich an den ganzen „Schnick-Schnack“ am Pferdekörper gewöhnt hat, den Reiter brauchen, um reiten!!! zu können, das alles, was man dem Pferdekörper aufbrummt, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass man dem Pferd die Kompensation der Bewegungen in die Schuhe schiebt, zu den man selbst nicht fähig ist, sie auszuführen.
Dass alles sollten eigentlich genug gewichtige Gründe sein, sich für die „Placements“ zu entscheiden, die wie beim Pferd die „biomotorischen Übungen“, auch in „Phasen“ unterteilt sind – allerdings nur in zwei. In die Phasen der „Schulterfreiheit“ und des „Beckenspiels“.
Aus „Schulterfreiheit“ und „Beckenspiel“ entsteht ein Reitersitz, der keine „Hilfsmittel“ mehr braucht, bei dem der Sattel nur noch seine eigentliche, minimalistische Funktion als „abpufferndes“ und „verteilendes“ Zwischenstück hat, und nicht als „Tiefsitzer“ (der den Reiter aus dem Schwerpunkt holt) als „Eierbecher“ oder „Sitzprothese“, herhalten muss, um einen Reiter irgendwie auf dem Pferd zu halten, der sich in seinem Rücken nicht ausbalancieren kann.
