Eine kleine Bewegung mit riesengroßer Wirkung
Wenn Sie den Pferdekopf mit ihrer Hand nach oben einladen, können sich die Zwischenräume zwischen den Wirbeln erweitern, weil Sie mit der Hand dem natürlichen Verlauf der Wirbelkette mit ihren drei Krümmungen nachgehen. Schon nach wenigen „Einheiten“ scheint die Wirbelkette nicht mehr so starr zu sein, wie vorher. Die Wirkung: je bewegungsfähiger das Pferd in seinen Wirbeln wird – desto selbstständiger wird das Pferd seinen Kopf von allein anheben können.
Die Einladung nach oben ist deshalb nur eine Ersatzhandlung für etwas, was das Pferd nicht mehr kann, weil der Hals unter anderem durch die Unterhalsmuskeln (weil das tragende Halsgeflecht fehlt) nach unten verzogen wird. Ihre Hand ersetzt also so lange die Strukturen des Halsgeflechtes bis die sich selbst entfaltet haben und über dem Widerrist den Hals mit dem Rumpf des Pferdes verbinden. Das ist übrigens der eigentlich „aufgewölbte Rücken“, der den Widerrist schützt und den Kopf in eine „tragende“, wahrnehmende Position bringt.
Das Pferd merkt deshalb schnell selbst, wenn es die „Handbremse“ des nach vorne gekippten Kopfes löst, bei der vor allem der Hals dem Schulterblatt im Weg steht. Es merkt es unter anderem daran, dass es „freier“ und unbelasteter von hinten angehen kann – und das Gehirn des Pferdes übernimmt die leichtere Bewegung gerne in sein Repertoire.
Helfen Sie dem natürlichen Impuls des Pferdes, den Kopf beim Angehen nach oben zu nehmen immer wieder nach – ohne jedoch den Pferdekopf mit der Hand nach oben oder nach hinten zu ziehen. Sie werden sehen, wie schnell das Pferd es von selbst macht.
Wenn das Pferd dann selbst seinen Kopf zum Angehen anhebt, geschieht etwas Wunderbares. Die Zwischenräume zwischen den Wirbeln vergrößern sich, und deshalb erweitert das Pferd seinen Brustkorb. Der Brust-, und Atemraum wird größer und die Lungen können den freigewordenen Raum ausfüllen.
Das ist die intensivste und schnellste Atemverbesserung – probieren Sie es aus.
Später erweitern sich die Rippen bis zum Zwerchfell und dann bis zum Bauchraum. Das alles geschieht langsam – im Prozess eben – durch wiederholtes Angehen mit wenigen, aber bewussten Schritten. Mit einem Pferdekopf, der sich wieder selbst anheben kann und einen Pferdehals, der den Platz für die Atmung freimacht.
Sie haben dem Pferdekopf nur den Weg gezeigt…
Nun möchte ich Ihnen zeigen, warum das „Angehen“ für das Pferd problematisch sein kann

In dieser Grafik, das ein „natürliches“ Pferd zeigt, sieht man die relative Spannung des Nackenbandes (das über dem Widerrist in das Rückenband übergeht).
Da das Pferd noch kein „Kopftragendes“ Halsgeflecht entfalten konnte, ist das Pferd auf die Mechanik der Halswirbeln und auf die Muskelkraft des Unterhalses angewiesen. Dabei wird der Druck – vor allem auf den ersten und zweiten Halswirbel immer stärker – was die Halswirbel auf der ganzen Länge in ihrer Bewegungsfähigkeit stark beeinträchtigt.
Das Fatale daran: Da das „Kopftragende“ Halsgeflecht immer mehr an aufrichtender Kraft verliert, sinkt die Halsbasis immer weiter ab und „drückt“ dabei die großen Schulterknochen nach hinten. In dieser negativen Wechselwirkung nimmt die Bewegungsfähigkeit der Vorhand stetig ab.

Das Pferd hebt seinen Hals nicht mehr von oben und nach oben an, sondern muss ihn von unten „hochdrücken“. Da das Pferd permanent seinen Kopf hochnehmen muss um etwas wahrzunehmen, zeigt das intensive Unterhalsmuskeltraining schnell „Erfolg“. Der Unterhals wird dicker und dicker (während die Oberlinie unterversorgt ist) immer mehr und immer dichtere Muskeln ausprägt – der Druck der eigenen Strukturen von oben permanent zunimmt – und sich das Halsgeflecht „zusammenfaltet“. Der strukturelle Druck ist in allen Vorgängen der Körpersysteme spürbar und steigt weiter an, je vorhandlastiger das Pferd wird.
Ein zusätzlicher mechanischer Druck (wie z.B. der Reiter auf seinem Rücken) ist für das Pferd nicht auch noch verkraftbar, weil sich die Halswirbel immer weniger „frei“ bewegen können. Egal also, ob es durch das unbewegliche Gebiss ist – dass das Pferd mit seiner Zunge nicht mehr hochheben kann – und mit dem gestörten Zungenmechanismus den Atemvorgang und den Schluckvorgang unterdrückt – das Pferd kommt aus dieser Position nicht mehr hoch.
Man könnte sich jetzt natürlich die Frage stellen, ob es dem Pferd nicht hilft, wenn man den Hals mechanisch aufrichtet und gleich oben lässt. Aber es geht wie überall in der Biomotorik um Impulse und nicht um Muskeln. Die Impulse nach oben löst im Pferdekopf Reaktionen zur Bildung des aufrichtenden Halsgeflechtes aus, von denen alle Körpersysteme profitieren. Würde man dagegen den Kopf – völlig unnatürlich übrigens – statisch oben „halten“, ruft der Körper Schutzfunktionen auf die den Körpersystemen schaden und Schutzmuskulaturen aktivieren.
Ihre Aufgabe: das fehlende Halsgeflecht ersetzen, bis es sich entfaltet hat
Sie ersetzen mit Ihrer Hand – die über die Gebissbrücke und den Strick, der daran befestigt ist mit dem Pferdemaul, bzw. den Ringen des „motorischen Gebisses“ verbunden ist – das fehlende Halsgeflecht. Durch die Einladung mit der Hand nach oben, setzen Sie dazu Impulse, aber nicht mehr. Aber da Sie sooft es geht mit ihrem Pferd auf diese Weise angehen, setzen sie eben viele Impulse die den Halswirbeln Raum geben und die Bewegungsfähigkeit des Halses erzeugen.
Der Impuls für die Entfaltung des Halsgeflechtes allein, ist aber nur ein Teil der Wirkung…

Indem der Pferdekopf der Einladung Ihrer Hand nach oben folgt, entspannt sich für einen kleinen Moment das überdehnte, unelastische Nackenband, und in dem Moment können Sie ihr Pferd mit dem Fokus „nach hinten“ zum antreten motivieren. Das „Zeitfenster“ das Sie dafür haben, ist klein und für die erste Zeit auch noch nicht ausschlaggebend. Denn zu Beginn ist es wichtig, dass das überfixierte Maul entlastet wird und der Fokus nach hinten auf den „Motor“ des Pferdes kommt, damit ganz allmählich zirkulierende Bewegung der „Längsbewegung“, und die Selbstaufrichtung des Pferdes und damit seine Motorik entstehen kann.
Ausführung:

Halten Sie den Strick, der an der „Gebissbrücke“ befestigt ist, die in die Ringe des „motorischen Gebisses“ eingeklinkt sind, ganz locker in der „offenen“ Hand. „Offen“ und fühlen ist ihre Hand wenn Sie ihre Handflächen sehen, also so als ob Sie ein Stück Brot in den Mund nehmen würden.
Wenn Sie ihren Handrücken sehen, haben Sie eine verdeckte Hand. Die „Elle“ und „Speiche“ ihres Armes bekommen dabei eine andere Position und sind zu großer Kraftanstrengung fähig. Die brauchen wir am Maul des Pferdes natürlich nicht, denn ihre Hand soll sich ja fühlend mit dem Pferdemaul verbinden, und wahrnehmen, welche Spannungen und Festigkeiten zu lösen sind.
Gehen Sie mit dem Strick in der Hand, mit Ihrem Arm senkrecht nach oben. Aus der lockeren Schulter heraus. Es sollte keine Festigkeit oder Spannung in ihren Schulter, ihrem Rücken, ihrem Arm, ihrer Hand oder den Fingern sein. Jede Spannung, die Sie haben überträgt sich unweigerlich auf Ihr Pferd…
..aber eben auch jede spielerische Weichheit ihrer Finger. Sie brauchen keine Kraft um mit dem fühlsamen und sensiblen Pferdemaul zu kommunizieren, dass aber möglicherweise noch voller Festigkeit, Spannung und vielleicht auch Widerstand ist. Laden Sie ihr Pferd zu ihrer Hand ein, überzeugen Sie es, dass ihre Hand nicht nach hinten zieht, und halten sie sich aber dann auch bitte daran…
Gehen Sie mit ihrer Hand (und Strick) am Kiefer des Pferdes hoch bis sie den Widerstand des Kopfes spüren. Ziehen Sie den Kopf NICHT nach oben, sondern beobachten Sie, wie viel ihrem Pferd in seinem Genick möglich ist, ihre Einladung anzunehmen. Das kann die ersten Male vielleicht nur ein Zentimeter sein. Dann ist da eben so. Nehmen Sie es an.
Bitte gehen Sie mit ihrer Hand nicht in die Kehlgrube ihres Pferdes. Das wäre für das Pferd unangenehm, weil es leicht einen hochdrückenden Charakter hat.
Sie können sich bewusst machen, dass sie über die direkte Verbindung mit dem Pferd, alle seine Wirbel der Wirbelkette „in den Händen“ haben, und möglicherweise stößt Ihr Pferd ihnen die starre, festgehaltene und bewegungsunfähige Wirbelkette der Vorhandlastigkeit (siehe Grafik oben) in die Hand. Damit steht das Programm für die nächste Zeit fest. Es lautet, durchlässige Bewegungsfähigkeit in die Wirbelkette bringen. Wie Sie beide Enden der Wirbelkette ansprechen können, und wie zwischen die Enden der Wirbelkette wieder Bewegung kommt, das beschreibe ich Ihnen im 2. Schritt der „biomotorischen Übungen“ mit „von hinten angehen mit Becken, Becken“.
